Erfahrungen des Übersinnlichen
Die drei Wege der Seele zu Christus

GA 143 – Seiten 184ff

Der Materialismus hat es heute auf diesem Gebiete sogar – was niemals vorher auf der Erde geschehen ist – zu einer schändlichen Wissenschaft gebracht. Das Schlimmste, was geleistet wird heute, ist das Zusammenwerfen von Liebe und Sexualität. Das ist der schlimmste Ausdruck des Materialismus, das Teuflischste der Gegenwart. Die Dinge, die auf diesem Gebiet geleistet werden, sie werden erst herausgeschält werden müssen. Sexualität und Liebe haben gar nichts miteinander zu schaffen in ihrer wahren Bedeutung. Sexualität kann zur Liebe hinzukommen, hat aber mit der reinen, ursprünglichen Liebe überhaupt nichts zu tun. Die Wissenschaft hat es bis zur Schändlichkeit gebracht, indem sie eine ganze Literatur aufbrachte, die sich damit beschäftigt, diese beiden Dinge in Zusammenhang zu bringen, die gar nicht im Zusammenhang stehen. Ein Drittes, das hereinzieht in die Menschenseele wie aus einer höheren Welt, das ist das Gewissen, dem sich der Mensch fügt, dem er einen höheren Wert beilegt als seinen eigenen, individuellen moralischen Instinkten. Mit ihm verbindet sich der Christus am innigsten: aus den Gewissensimpulsen der einzelnen Menschenseelen entnimmt der Christus seinen physischen Leib. So wird ein Ausspruch in der Bibel sehr real, wenn man weiß, daß aus den Mitleids- und Liebegefühlen der Menschen der Lebensleib des Christus sich bildet: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», denn Christus bildet seinen Lebensleib bis ans Ende der Erdentwickelung aus Mitleid und Liebe der Menschen. Wie der Christus seinen astralischen Leib aus dem Verwundern und Erstaunen bildet, wie er seinen physischen Leib aus dem Gewissen bildet, so bildet er seinen Ätherleib aus den Gefühlen des Mitleids und der Liebe. Warum können wir jetzt gerade diese Dinge sagen? Weil einmal ein großes Problem gelöst werden wird für die Menschen, nämlich die Christus-Gestalt auf den verschiedensten Gebieten des Lebens darzustellen, wie sie wirklich ist. Dann erst wird man sie schauen, wie sie ist, wenn man mancherlei von dem berücksichtigt, was Geistesforschung zu sagen hat; da darf man nicht zurückschauen auf dasjenige, was in Palästina war – da hat ja der Christus die Hüllen des Jesus benützt. Wenn man nach langem Vertiefen in die geisteswissenschaftliche Christus-Idee einmal versuchen wird, den Christus darzustellen, da wird man eine Gestalt bekommen, an der man erkennt, daß in seinem Antlitz etwas enthalten ist, woran sich alle Kunst abmühen kann, aber auch abmühen muß und wird: in seinem Antlitz wird dann etwas enthalten sein von dem Sieg der Kräfte, die nur im Antlitz sind, über alle anderen Kräfte der menschlichen Gestalt. Wenn die Menschen werden bilden können ein Auge, das lebt und nur Mitleid strahlt, einen Mund, der nicht geeignet ist, zu essen, sondern nur zum Sprechen jener Wahrheitsworte, die das auf des Menschen Zunge liegende Gewissen sind, und wenn eine Stirn gebildet werden kann, die nicht schön und hoch, sondern die in der deutlichen Ausgestaltung dessen schön ist, was sich nach vorn spannt zu dem, was wir die Lotusblume zwischen den Augen nennen – wenn einmal dies alles gebildet werden kann, dann wird gefunden werden, warum der Prophet sagt: «Er ist ohne Gestalt und Schöne.» Dies heißt nicht Schönheit, sondern es ist das, was siegen wird über die Verwesung: die Gestalt des Christus, wo alles Mitleid, alles Liebe, alles Gewissenspflicht ist.