Intellektuelle Bescheidenheit

Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung

Altes Denken und neues soziales Wollen 

GA 329 – Seite 278ff

Vor einer wirklichen Geist-Erkenntnis, die so gemeint ist, wie sie heute hier vorgetragen worden ist, ist es wahrhaftig keine Schande oder irgend etwas Herabwürdigendes, wenn der eine Mensch in einem wirklich sozialen Dasein einfach dasjenige aus der geistigen Welt heraus ihm Übermittelte aufnimmt, was der andere zu entdekken befähigt ist. Denn das ist nicht zu fürchten, daß irgendein Mensch, der ein geistiger Entdecker wird, durch Unbescheidenheit glänzen würde innerhalb seiner Mitmenschengenossenschaft. Man muß, gerade wenn man in die geistige Welt eindringen will, sich zuerst dasjenige gar sehr in der entsprechenden hohen Kraft aneignen, was ich intellektuelle Bescheidenheit genannt habe, und man weiß sehr gut, gerade dann, wenn man beginnt, etwas von der geistigen Welt zu wissen, wie wenig man eigentlich weiß. Das ist nicht zu fürchten, daß die geistigen Erkenner besonders hochmütig werden. Diejenigen, die von der geistigen Welt in Phrasen reden, die von dem Geiste reden, ohne daß sie etwas von ihm wissen, die von ihm reden durch bloße philosophische Schlüsse, die mögen hochmütig werden. Aber diejenigen, die in die geistigen Welten eindringen, die wissen außerdem, wie klein sie sind als Menschen gegenüber dieser geistigen Welt, die sich durch sie verwirklichen will, und sie wissen wahrhaftig, daß sie weder hochmütig noch rechthaberisch werden sollen. Nun möchte ich noch etwas anderes erwähnen. Wenn man auf der einen Seite sagen muß: zum Heile der Zukunft der Menschheit ist es heute notwendig, daß hingehorcht werde von Seiten derjenigen, die noch nicht gewisse Wahrheiten entdeckt haben, auf diejenigen, die sie entdeckt haben, und das durchaus nicht etwas Beschämendes, die Freiheit Herabwürdigendes ist, so kann zu gleicher Zeit auch darauf hingewiesen werden, daß ja auch derjenige, der vielleicht in einem hohen Grade schon erkennen kann, der ein Seher ist, an seinem Mitmenschen Ungeheures lernt. Das ist das Merkwürdige, daß man in dieser Richtung ein ganz neues Verhältnis gerade durch das Sehertum, gerade durch die Entwickelung des Seelisch-Geistigen, zu seinem Mitmenschen gewinnt. Man muß sich sagen, daß auch in einer einfachen, elementaren Lebensart Dinge sich offenbaren können. Wir erfahren sie, wir haben den Sinn, einzudringen in dasjenige, was als geheimnisvolle seelisch-geistige Tiefen sich zum Beispiel auch durch ein Kind offenbart. Das gibt Veranlassung, wenn wir nur nicht es symbolisch deuten, wenn wir nur nicht nachgrübeln, sondern uns ihm in Liebe hingeben, gerade es geistig zu erkennen, daß nachher, wenn der Seher eine solche Liebe ausgeübt hat für das Einfache, für ihn der begnadete Moment eintritt, etwas Großes zu erkennen. Und jeder große, wirkliche Geist-Erkenner wird Ihnen erzählen können von denjenigen Momenten, wo nicht durch Auslegung desjenigen, was er eben gesehen hat, sondern wie wirklich gerade dann, wenn in ihm diese Kraft ausgelöst worden ist, er hinterher an irgendeinem Menschen etwas anderes erfahren hat, indem er den Geist zu seinem Führer erkor. Man lernt einen Menschen kennen. Dasjenige, was er einem mitteilt aus seinen Erlebnissen, aus seinen Erfahrungen heraus, vielleicht als einfachster, primitivster Mensch, führt einen in seelische Tiefen hinein, wenn man richtig zu erkennen vermag, den richtigen Zusammenhang zu finden vermag. Man macht die Entdeckung, daß, was die Menschen erleben, was die Menschen erfahren, daß das bei jedem Menschen zu einer Offenbarung führen kann.
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