Man kann sich sagen: Bevor die Schauung
eingetreten ist, habe ich dies oder jenes durchgemacht im gewöhnlichen
Bewusstsein. Daran kann man sich dann erinnern, und man muss diese
Etappe wiederum heraufrufen bis zu dem Punkte, wo die Schauung
eingetreten ist; dann kommt man bei dem Punkte an. Sie kann nicht wieder
unmittelbar eintreten, aber man muss den Weg gewissermaßen wiederum
zurückmachen. Das berücksichtigen viele nicht; sie glauben, man könne
sich an eine Schauung im gewöhnlichen Sinne erinnern. Man muss also in
einer gewissen Beziehung sogar bei der okkulten Entwickelung das
Gedächtnis untergraben. Das ist durchaus notwendig, es lässt sich das
gar nicht verhindern. Deshalb muss man sagen: Derjenige, der eine solche
okkulte Entwickelung anstrebt, der muss vor allen Dingen sicher sein,
dass er im gewöhnlichen Leben ein vernünftiger Mensch ist, das heißt,
dass er ohne irgendwelche falschmystischen Anwandelungen einen gesunden
Verstand und ein gesundes Gedächtnis hat. Wer im gewöhnlichen Leben
schon irgendwie herumschwefelt oder schwimmelt, ist nicht geeignet, eine
okkulte Entwickelung durchzumachen. Man muss durchaus die Möglichkeit
haben, sich an die Ereignisse des Tages mit aller Bestimmtheit zu
erinnern, dann kann man es wagen, zu den Schauungen vorzudringen, für
die es eben nicht ein solches Erinnern gibt. Die Vorsichten, die
anempfohlen werden für eine okkulte Entwickelung, sind durchaus eben in
der Sache selbst begründet. So können Sie sagen: Für das gewöhnliche
Bewusstsein ist das Gedächtnis da, und es gehört zu einem normalen Leben
zwischen Geburt und Tod dieses Gedächtnis. …

Das Gedächtnis ist
dasjenige, was uns unser gewöhnliches Bewusstsein nach innen zu
verschließt. Sobald dieses Gedächtnis unterbrochen wird, sobald also
irgendwo ein Riss entsteht, wie es durch die okkulte Entwickelung
geschieht, sehen wir so, wie ich es gestern
beschrieben habe, in
unsere Organe hinein. Nun haben wir die Antwort auf das Rätsel des
Nicht-nach-Innenschauen-Könnens. Es muss zugedeckt sein dieses Innere,
sonst würden wir nicht normal sein im Leben zwischen Geburt und Tod,
denn wir brauchen dieses Gedächtnis. Also das Innere unseres Selbst wird
uns verhüllt durch unsere Gedächtnisspiegelung. Das ist dasjenige, was
Sie als eine Lösung dieses Rätsels haben müssen.

Nach der andern
Seite, nach der Seite der Außenwelt, da sehen wir gewissermaßen
ausgebreitet den Sinnenschleier und sehen nicht dahinter. Wir wollen
einmal die Sache so auffassen, dass wir uns sagen: Wie wäre es, wenn wir
dahintersehen würden, wenn wir also, nach außen schauend, nicht den
Sinnenschleier hätten, hinter dem die Wesenheit der Welt liegt, sondern
wenn das überall durchbrochen wäre, wenn man da überall durchschauen und
durchgucken konnte, wie wäre es dann? – Wir würden stets mit unserer
Wahrnehmung, mit unserer Anschauung in die Dinge hineinfließen. Wir
würden mit den Dingen zusammenfließen. Wir könnten uns nicht
unterscheiden von den Dingen. Und was wäre die Folge? Niemals konnten
wir, wenn wir uns nicht unterscheiden könnten von den Dingen, die
Gefühle der Liebe entwickeln, denn Liebe beruht darauf, dass man nicht
hinüberfließt in den andern, sondern dass man eine Individualität
bleibt, getrennt ist und dennoch hinüberfühlt. Wir sind so organisiert,
dass wir liebefähig sind zwischen Geburt und Tod. Und in der okkulten
Entwickelung muss diese Liebefähigkeit wiederum durch Imagination,
Inspiration, Intuition ersetzt werden. Wir müssen gewissermaßen die
Liebefähigkeit durchbrechen. Es würde unser Leben total ruinieren, wir
würden kaltherzig werden, wenn wir im gewöhnlichen Leben die Liebe nicht
hätten. Daher ist es wieder notwendig, dass derjenige, der nach dieser
Richtung hin eine okkulte Entwickelung durchmacht, vor allen Dingen im
höchsten Grade die Liebefähigkeit entwickelt. Hat er sie so entwickelt,
dass er sie nicht verlieren kann durch die okkulte Entwickelung, dass er
sie trotz dieser Entwickelung behält, dann kann er es wagen, den
Sinnenschleier zu durchdringen und in die wirkliche Objektivität
hinauszuschauen.

GA 205, S. 117 f.

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