Ahriman ist der Herr der materiellen Gesetze, jener Gesetze, welche in der Tat nur vergeistigt werden können, nachdem die gesamte Erdentwickelung abgelaufen sein wird, jener Gesetze, die tätig bleiben, die wirksam bleiben. Ahriman ist der rechtmäßige Herr der materiellen Gesetze. Würde er diese Herrschaft nicht mißbrauchen, nicht auf etwas anderes ausdehnen, so wäre er eine in seiner Art einzig notwendige Wesenheit innerhalb der Erdentwickelung. Aber das gilt doch, was in dem kosmischen Vaterunser steht: «Von andern erschuldete Selbstheitschuld, erlebet im täglichen Brote, in dem nicht waltet der Himmel Wille.» Es gilt das, daß der Mensch in seinem Erdenleben an die materiellen Gesetze gebunden ist, und daß er die unmittelbare Vergeistigung dessen, was aus den materiellen Gesetzen kommt, nicht durch einen bloß inneren, seelischen Vorgang erreichen kann, sondern daß dazu Äußeres notwendig ist. Alles, was mit reich und arm zusammenhängt, hängt mit dieser Frage zusammen. Alles, was uns einspinnt in eine soziale Ordnung, so daß wir unter dem Joch von Gesetzen sind, die wir nur im Gesamtverlaufe der Erdentwickelung vergeistigen können, gehört da herein. Und damit hängt zusammen -wie gesagt, ich muß etwas Triviales sagen, das Triviale ist aber nicht so gemeint -, daß in die soziale Ordnung nach und nach die Herrschaft alles dessen einzieht, was man als Geld bezeichnen kann, die Herrschaft des Geldes, welches unmöglich macht, unmittelbar in geist-durchwirkten Gesetzen zu leben. Jeder versteht ja, was mit so etwas gemeint ist. Aber dadurch, daß die Unmöglichkeit besteht, «Steine zu Brot» zu machen, die Unmöglichkeit, das Geistige in der Materie unmittelbar zu haben, unabhängig vom Materiellen, dadurch daß diese Unmöglichkeit da ist, und ihr Spiegelbild, die Herrschaft des Geldes da ist, dadurch hat Ahriman die Herrschaft. Denn im Gelde lebt ja sozial auch Ahriman.

Es mußte aus der Ahriman gegenüber unbeantwortet gebliebenen Frage bei dem Christus Jesus das Ideal entstehen, nun in die Erdentwickelung sich auszugießen und nach und nach langsam in der ganzen weiteren Erdentwickelung zu wirken. Das konnte nicht bloß seelisch abgemacht werden. Es mußte die ganze folgende Erdentwickelung durchchristet werden! Der Christus mußte übergehen in die Erdentwickelung. Ahriman hatte die Gewalt, dem Christus die Notwendigkeit aufzuerlegen, wirklich sich mit der Erde zu verbinden. Daher durchsetzte er später den Judas, und durch den Judas hatte er das Medium, um den Christus wirklich zum Tode zu führen. Und durch den Tod ging die Christus-Wesenheit über in die Erdenwesenheit. Was Judas tat, war die nicht voll beantwortete Frage des Ahriman. Die Luziferversuchung konnte innerlich seelisch abgemacht werden. Die Luziferversuchung muß jede Seele in sich selber abmachen. Ahrimans Art ist so, daß er überwunden wird in der ganzen folgenden geschichtlichen Menschheitsentwickelung, indem sich die Menschen immer mehr durchdringen und identifizieren mit der Christus-Wesenheit.

Man schaut da in der Tat auf ein tiefes Geheimnis der historischen Entwickelung nach dem Mysterium von Golgatha, wenn man diese dritte, dem Ahriman nicht vollständig beantwortete Frage
Akasha-Chronik-mäßig ins Auge faßt. Darin liegt schon alles. Und der Christus wußte jetzt, daß er sich vollständig verbinden müsse mit dem Erdenleibe, daß er wirklich ganz Mensch werden müsse.“

Rudolf Steiner
GA 148 (1992) – /Seite 149-250 –

Aus der Akasha-Forschung
München, Zweiter Vortrag, 10. Dezember 1913 /S. 264-282.

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