Heute müsste man gerade aus dem, was heute im geistigen Leben ist,
eine Kleidung herausfinden, geradeso wie diese alten Völkerschaften eine
Kleidung aus ihrem Sinn, aus dem, was sie für das Richtige in der Welt
und Menschheit gehalten haben als Kleidung, herausgefunden haben. Aber
dazu hat der Mensch heute gar nicht die Fähigkeit, weil er eben nichts
weiß von dem wirklichen, das heißt von dem geistigen Menschen. Und so
ist es gekommen, dass wir heute Kleidungsstücke haben, die eigentlich
ganz sinnlos sind und die nur darauf beruhen, dass man die Sinnlosigkeit
bis zum Exzess treibt. Der Mensch hat ursprünglich den Gürtel getragen.
Der Gürtel drückte das aus, dass hier etwas Besonderes liegt im
Menschen. Dieser Gürtel war dazu da, dass er das ausdrückte. Nun haben
die Menschen später den Gürtel gesehen, haben gesehen, dass da der
Mensch abgeteilt ist; nun haben sie diese Abteilung selber gemacht mit
dem Gürtel. Statt dass der Gürtel etwas ausdrückte, führte er bei der
Frauenkleidung oftmals dazu, die Frauenkleidung so zu machen, dass sie
nichts ausdrückt, sondern hier nur die Leber und den Magen und alles
mögliche kolossal zusammendrückt. Man kann schon sagen, ein großer Teil
desjenigen, was in der materialistischen Zeit entstanden ist, ist
eigentlich aus Sinnlosigkeit heraus entstanden, aus richtiger
Sinnlosigkeit heraus entstanden. Es haben selbst Dinge, die wir heute
als Unfug ansehen müssen, bei primitiven Völkerschaften eine gewisse
Bedeutung gehabt.

Nehmen Sie zum Beispiel an, wilde
Völkerschaften haben die Eigentümlichkeit, sich nicht dadurch zu
bekleiden, dass sie Kleidungsstücke anziehen, sondern sich auf eine
andere Art zu bekleiden. Nicht wahr, das Kleid ist eigentlich dasjenige,
was schmückt, was etwas dazutut zu dem, was der Mensch ist. Die
Bedeutung des Kleides ist eigentlich Andeutung, Offenbarung. Also es
soll das Unsichtbare durch das Kleid geoffenbart werden. Man braucht
also nicht, um sich zu bekleiden, meinten die wilden Völkerschaften –
sie meinen es noch heute, und andere meinen es auch -, unbedingt Stoffe
dazu, sondern man kann sich auch bekleiden, indem man allerlei
Zeichnungen auf den Körper selber macht.

Da schmückt man sich
aus durch die sogenannte Tätowierung. Es machen sich die Leute also
allerlei Zeichen auf die Leiber. Ja, meine Herren, diese Zeichen, die
sich die Menschen auf die Leiber machen, die hatten ursprünglich eine
ganz große Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel an, der Mensch ritzt sich
ein Herz ein auf seinen Leib. Nun ja, wenn er bei Tag herumgeht, so hat
das keine große Bedeutung im Wachen. Wenn er aber schläft, dann ist das
ein sehr bedeutungsvoller Eindruck auf seine schlafende Seele, was er
sich in die Haut eingeritzt hat, und dann wird das ein Gedanke in seiner
schlafenden Seele, den er natürlich am Morgen wieder vergessen hat,
wenn er zum Bewusstsein kommt. Aber es entstand dieses Tätowieren
ursprünglich eigentlich aus der Absicht, bis in den Schlaf hinein im
Menschen zu wirken. Wiederum hat es später selbst bei den wilden
Völkerschaften die Bedeutung verloren, wenigstens soweit, dass die
Menschen es nur noch aus Gewohnheit machen, es fortsetzen aus
Gewohnheit, aber es hat eben die Bedeutung verloren. Nun, nicht wahr,
alle diese Dinge müssen Sie in Erwägung ziehen.

Dann werden Sie
sehen, die Kleidung ist zum Teil aus Schutzbedürfnis entstanden, zum
größten Teil, größeren Teil entstanden aus dem Bedürfnis, sich zu
schmücken. Und das Schmücken hangt zusammen mit dem, dass man das
Übersinnliche nach außen offenbar macht. Und die Menschen sind dann eben
gerade mit Bezug auf die Kleidung dazu gekommen, nichts anderes mehr zu
wissen, als dass der Mensch sie trägt. Und so entstanden die
Nationaltrachten. Natürlich wird ein Volksstamm, der mehr genötigt ist,
sich zu schützen, anliegende Kleider haben, dicke Kleider haben, den
ganzen Leib mehr oder weniger mit Kleidern beladen oder wenigstens
diejenigen Teile, die mehr der Kälte ausgesetzt sind. Ein Mensch in
milderem Klima wird das Schmücken eben viel mehr ausbilden, wird dünnere
Kleider haben, wehende Kleider haben und so weiter. Es wird also etwas
von der ganzen Umgebung abhängen, von dem Klima, wie sich der Mensch zum
Teil schützt, zum Teil schmückt. Dann vergessen die Menschen dieses.

Wenn dann die Völkerwanderungen kommen, dann kann es vorkommen, dass
ein Volk aus der Gegend, wo die Kleidung für die Gegend gepasst hat, in
eine andere Gegend einzieht, wo man gar nicht mehr einsieht, warum die
Kleidung für diese Völker passen soll; aber sie haben sie eben aus
Gewohnheit beibehalten. Und auf diese Weise ist es heute oft sehr
schwer, aus der unmittelbaren Umgebung heraus zu finden, warum diese
Menschen gerade diese betreffende Kleidung haben. Man kann dann sehen,
nicht wahr, die Menschen hören eben auf zu denken. Sie sind so wie der
Eisbär, der sein weißes Kleid bekommt, weil das wenig absticht vom
nordischen Schnee und es dann für ihn ein Schutz bedeutet gegen allerlei
Verfolgungen und so weiter – ja, wenn er es im warmen Klima tragen
würde, so wäre es eben nicht ein Schutz, nicht wahr!
So ist es
überhaupt: Der Mensch behält das, was er einmal gewohnt ist, durchaus
bei, ohne dass er den Sinn davon noch vollständig im Bewusstsein hat.
Deshalb ist es heute nicht so leicht, aus der Art und Weise, wie sich
der Mensch bekleidet, das Warum zu beantworten, warum sich der eine oder
der andere Volksstamm gerade so oder so bekleidet. Da muss man dann,
wie gesagt, zurückgehen auf frühere Zeiten.

GA 352, S. 115 f.

Powered by WordPress ⁞  Theme  ct Aspekte Anthroposophie