Was jemand durch anthroposophische Geisteswissenschaft erfährt, das ist ja dann nicht verloren, das ist dann das Auge, wodurch er das geistige Licht wahrnimmt. Und wenn er hier auf Erden in unserem jetzigen Stadium der Menschheitsentwickelung keine geistige Wissenschaft entwickelt, dann hat er kein Auge, durch das er die geistige Welt wahrnehmen kann, und er ist wie geblendet durch das, was er erlebt.

In alten Zeiten war es so, dass die Leute noch als Nachblüte ihres vorirdischen Lebens ein instinktives Hellsehen hatten. Dieses ist vergangen und verglommen. Das ist nicht mehr da, dieses instinktive Hellsehen. Die Menschen mussten sich in einem Zwischenstadium das Freiheitsgefühl erwerben. Aber die Menschen sind wiederum in das Stadium eingetreten, wo sie ein Auge brauchen für die geistige Welt, in die sie eintreten nach dem Tode. Und dieses Auge werden sie nicht haben, wenn sie es sich nicht hier auf Erden erwerben. So wie das physische Auge im vorirdischen Dasein erworben werden muss, so muss das Auge für das Wahrnehmen des Übersinnlichen nach dem Tode hier durch Geisteswissenschaft, durch geistiges Erkennen erworben werden. Nicht durch Hellsehen, das ist jedes Menschen eigene Sache, aber durch Verstehen mit dem gesunden Menschenverstände dessen, was durch die hellseherische Forschung erkundet wird.

Es ist einfach nicht wahr, wenn gesagt wird, man muss selber in die geistige Welt hineinsehen, wenn man die Dinge glauben wollte, die die Hellseher sagen. O nein, so ist es nicht. Man gebrauche seinen gesunden Menschenverstand, und man wird einsehen, dass das Ohr eigentlich Himmelsorgan ist, man wird das durch seinen gesunden Menschenverstand einsehen. Gefunden werden kann eine solche Tatsache nur durch die hellseherische Forschung, wenn sie aber gefunden ist, kann sie durchschaut werden. Man muss sich nur darauf einlassen, die Sache durchzudenken und durchzufühlen. Und dieses Erkennen durch den gesunden Menschenverstand desjenigen, was aus der geistigen Welt heraus gegeben ist, nicht das Hellsehen, sondern dieses Erkennen, das gibt das geistige Auge nach dem Tode. Dieses geistige Auge muss sich der Hellseher ebenso erwerben, wie es der andere Mensch auch erwerben muss. Was man durch imaginative Erkenntnis erworben hat, was man erschaut hat, verfällt nach wenigen Tagen. Es verfällt nur dann nicht, wenn man es auf den Standpunkt des gewöhnlichen Begreifens heruntergebracht hat. Man ist gezwungen, diese Sache dann ebenso zu begreifen, wie sie der begreift, dem man sie mitteilt.

Denn dasjenige, was die Aufgabe des Menschen auf Erden ist, ist ja nicht unmittelbar das Hellsehen. Das Hellsehen muss nur da sein, damit man die übersinnlichen Wahrheiten finden kann. Aber das, was die Aufgabe des Menschen auf Erden ist, ist das Begreifen der übersinnlichen Wahrheiten mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand. Das ist außerordentlich wichtig.

GA 218 S. 326 ff.

Powered by WordPress ⁞  Theme  ct Aspekte Anthroposophie