Der Geistesforscher erkennt zunächst, dass in dem Menschen, wie er
den Sinnen und dem an die Sinne sich haltenden Verstand erscheint, wie
er auch erforscht werden kann von der mit äußeren Mitteln arbeitenden
Naturwissenschaft, nur ein Teil, nur ein Glied der ganzen menschlichen
Wesenheit gegeben ist, und dass innerhalb der ganzen menschlichen Natur
zu diesem Sinnenmenschen, zu dem physischen äußeren Menschen, hinzukommt
ein übersinnlicher Mensch, der in dem sinnlichen Menschen wirkt und
lebt, und ohne den der sinnliche Mensch in jedem Augenblicke seines
Lebens zum Leichnam zerfallen müsste. Denn der Geistesforscher entdeckt,
dass ebenso wie man durch das physische Auge die Farbe sieht, man durch
das – um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen – «geistige Auge»
innerhalb dieses physischen Menschen den sogenannten – auf den Ausdruck
kommt es nicht an, und ich bitte, sich durchaus nicht an Worten zu
stoßen; ich könnte ebensogut ein anderes Wort gebrauchen – ätherischen
Menschenleib wahrnehmen kann. In dem physischen Menschenleib steckt der
ätherische Menschenleib übersinnlich darinnen, der nicht durch physische
Augen gesehen werden kann, sondern der mit dem geistigen Auge geschaut
werden muss. Man kann darüber spotten, dass der Geistesforscher zu dem
physischen Menschen diesen ätherischen Menschen hinzufügt; allein so wie
der Mensch als physischer die Kräfte und Stoffe in sich hat mit ihren
Wirksamkeiten, die in seiner physischen Erdenumgebung sind, so hat er in
sich auch geistige Kräfte, die er mit einer geistigen Umwelt gemeinsam
hat. Zunächst berücksichtigen wir diejenigen des sogenannten
Ätherleibes. Dieser besteht in gewissen übersinnlich zu nennenden
Kräften. Und diese Kräfte kann man ebenso in der Umgebung des Menschen
aufsuchen, wie man die physischen Kräfte, die der Mensch in sich trägt,
durch Naturwissenschaft in der irdischen Umgebung finden kann. Aber man
muss dann eben mit dem «geistigen Auge» dasjenige schauen, was geistig
in unserer Umgebung ist.

Nun will ich zunächst ein Ergebnis
besprechen, welches einen gewissen Zusammenhang zeigen soll, der besteht
zwischen geistigen Vorgängen in der menschlichen Weltumgebung und den
Kräften im Menschen, welche seinen Ätherleib bilden. Mit dem
gewöhnlichen menschlichen Anschauen verfolgt man im Verlaufe eines
Jahres, wie, wenn der Frühling kommt, die Pflanzen aufsprießen, wie sie
immer mehr und mehr Grünes, wie sie dann später die farbigen Blüten
entwickeln, wie die Früchte sich bilden.

Man erlebt weiter das
Abwelken, das Vergehen der Pflanzen. Man nimmt wahr abwechselnd das
sommerliche Gedeihen in der Natur und das winterliche Ruhevolle. So
stellt sich zunächst für die äußere Sinnesbeobachtung der Jahreslauf
dar. Aber für diese Sinnesbeobachtung stellt sich eben nur dasjenige
dar, was sich zu dem Geistigen verhält wie die schwingenden Saiten zu
den sich auslebenden Tonmassen. Das «geistige Auge» fügt zu diesem
Wechsel im Gedeihen und in der Ruhe, der da ist für den Geistesforscher
wie die schwingende Saite für das musikalische Ohr, eine Art geistigen
Hörens und geistigen Schauens hinzu. Und während man physisch aus der
Erde heraussprießen sieht die Pflanzen, so wie sie für das physische
Auge wahrnehmbar sind, so schaut der Geistesforscher in dem Maße, in dem
die Pflanzen aus der Erde herauskommen, von der Umgebung der Erde, von
dem Außerirdischen her sich Wesenhaftes gegen die Erde zu bewegen. So
paradox das für die gegenwärtige Vorstellungswelt auch noch klingen mag,
es ist eine Wirklichkeit, dass das «geistige Auge» ein reiches Leben
aus der Erdumgebung auf der Erde mit jedem Frühling einströmen sieht,
ein Leben, das im Winter nicht einströmt. Während man mit dem physischen
Auge nur vom Boden herauf die physischen Pflanzen erwachsen sieht,
schaut man aus der ganzen kosmischen Weltumgebung herein geistige
Wesenheiten, ätherische Wesenheiten gewissermaßen herniederwachsen. Und
in demselben Maße, in dem die physischen Pflanzen immer vollkommener
werden, sieht man, wie gewissermaßen dasjenige aus der ätherischen
Erdenumgebung verschwindet, was als lebendige Geisteswesen sich
hineinsenkt in das dem Erdboden entwachsende Pflanzenleben. Und erst,
wenn die Frucht sich zu entwickeln beginnt, wenn die Blüten zu verwelken
beginnen, erst wenn der Herbst naht, dann sieht man, wie dasjenige, was
sich verbunden hat mit dem Irdischen, was gewissermaßen verschwunden
ist innerhalb der Pflanzenwelt, sich wieder zurückzieht in den die Erde
umgebenden Raum. Und so erschaut man geistig ein Ein- und Ausströmen
eines übersinnlichen Elementes in das Erdenwesen vom Frühling bis in den
Herbst hinein. Es wachsen gleichsam aus dem Ätherischen lebendige,
übersinnliche Pflanzen heraus, die in die physischen Pflanzen hinein
verschwinden. –

Ein anderes geistiges Erlebnis gibt die
Winterzeit. Derjenige, welcher den Winter bloß erlebt, indem er den
Schnee anschaut, die Kälte empfindet, der weiß nicht, dass die Erde im
Winter als Erde etwas ganz anderes ist als im Sommer. Die Erde hat
nämlich ein viel intensiveres, regeres geistiges Eigenleben während der
Winterszeit als während der Sommerszeit. Und lebt man sich in diese
Verhältnisse hinein, dann erlebt man den Wechsel des ätherischen
Winter-Sommer-Lebens; man erlebt ein Geistiges, das sich in einem
gewissen Sinne vergleichen lässt dem Wechsel des menschlichen Erlebens
durch das Einschlafen und Aufwachen hindurch. (Es kann innerhalb dieser
kurzen Ausführungen nicht gezeigt werden, dass die geschilderten
Erlebnisse nicht in Widerspruch stehen mit den Bewegungsverhältnissen
des Erdkörpers. Wer sich auf die Geisteswissenschaft näher einlässt, der
wird bald erkennen, dass Einwände keine Bedeutung haben wie dieser: ja
aber die Erde dreht sich doch, – et cetera.)

Man lernt so
erkennen, wie gewisse Wesenheiten im Winter nicht mit der Erde verbunden
sind, sondern nur in der kosmischen Umgebung der Erde sind, wie diese
Wesenheiten mit dem Frühling heruntersteigen zur Erde, sich mit dem
Pflanzenleben verbinden, und gewissermaßen eine Art von Ruhe dadurch
genießen, dass sie sich mit dem Erdenleben verbinden. Diese Ruhe, welche
diese Wesen innerhalb der Erde finden, die regt aber dadurch, dass
Geistiges sich mit der Erde verbunden hat, das Erdenleben selber an; und
im Winter hat die Erde selber als Wesen etwas wie eine Erinnerung an
dieses sommerliche Zusammensein mit Wesenheiten des außerirdischen
Weltenraumes. Dasjenige, was sonst gar nicht geahnt wird, das offenbart
sich dem geisteswissenschaftlichen Erkennen aus der umgebenden Natur
heraus; es ist, wie wenn man plötzlich hörend würde und aus der
schwingenden Saite die Tonmasse herausklingen hörte, die man vorher,
weil man taub war, nicht hören konnte. Man lernt das ätherische Leben
kennen. Dieses ätherische Leben zeigt, dass gewisse Wesenheiten der
Erdumgebung, die mit anderen Weltenkörpern verbunden sind, sich während
des Sommers mit der Erde verbinden und während des Winters sich wieder
zurückziehen.

Es bedingt dieses Leben, dass gewissermaßen die
Erde – die Erde als Wesen, jetzt nicht als toter Körper, den die
Geologie oder die sonstige äußere Naturwissenschaft betrachtet – während
der Sommerszeit schläft, während der Winterzeit aber wachend lebt, in
lebendigen Erinnerungen an dasjenige, was sich im Sommer mit ihr
verbunden hat. Gerade das Gegenteil von dem ist nämlich richtig, was man
durch allerlei Analogieschlüsse sich mit Bezug auf das Erdenleben etwa
vorstellen möchte. Durch solche Schlüsse könnte man glauben, dass die
Erde im Frühling aufwacht und im Herbst einschläft; die
Geisteswissenschaft bringt aber die Erkenntnis, dass die warme, schwüle
Sommerszeit die Schlafenszeit der Erde ist, und die kalte, mit der
Schneedecke die Erde umhüllende Zeit die des Wachens der Erde ist. (Wer
ein solches Erlebnis in rechter Art versteht, für den entfällt der
billige Einwand: der Vergleich mit dem musikalischen Hören erweise die
Geisteswissenschaft als bloß Subjektives, wie die künstlerische
Auffassung. Denn die im Erdorganismus eintretende Folge des für die
Sommerzeit Geschauten zeigt das Objektive des Vorganges.)

Rudolf Steiner in der GA 35 („Philosophie und Anthroposophie – Gesammelte Aufsätze 1904-1923“), S. 241 ff.

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