Übertritt man die Schwelle in die geistige Welt, dann wird man zunächst gewahr etwas, was schreckhaft ist, was gar nicht einmal leicht zunächst zu ertragen ist. Denn mit Bezug auf die Menschengestalt, wie sie anatomisch-physiologisch sich uns vor Augen stellt, merkt man: sie ist aufgebaut aus der geistigen Welt heraus aus zwei Elementen, die da sind moralische Kälte und Haß. Wir tragen wirklich in der Seele die Anlage zur Menschenliebe und zu jener Wärme, zu jener moralischen Wärme, die den anderen Menschen versteht. Wir tragen aber in unseren festen Bestandteilen des Organismus die moralische Kälte. Das ist jene Kraft, die gewissermaßen aus der geistigen Welt heraus unsere physische Organisation zusammenbackt. Und wir tragen in uns den Impuls des Hasses. Der ist dasjenige, was aus der geistigen Welt heraus die Zirkulation des Blutes bewirkt. Und während wir vielleicht mit einer sehr liebenden Seele, mit einer Seele, die nach Menschenverständnis dürstet, durch die Welt gehen, müssen wir gewahr werden, daß im Unterbewußten unten, da, wo die Seele hineinströmt und hineinimpulsiert in das Körperliche, damit wir überhaupt einen Körper an uns tragen können, die (moralische) Kälte sitzt. Ich werde immer von Kälte sprechen, ich meine die moralische Kälte, die aber allerdings auf dem Umwege durch den Wärmeäther in die physische Kälte übergehen kann. Da unten in uns sitzt im Unterbewußten die moralische Kälte und der Haß, und der Mensch bringt in seine Seele leicht dasjenige herein, was in seinem Körper sitzt, so daß seine Seele gewissermaßen angesteckt werden kann von Menschenunverständnis; das ist aber das Ergebnis von der moralischen Kälte und vom Menschenhaß. Weil das so ist, muß der Mensch moralische Wärme, das heißt, Menschenverständnis und Liebe eigentlich erst in sich heranerziehen, denn diese müssen besiegen, was aus dem Körperlichen kommt.

Nun kann eben nicht geleugnet werden – das stellt sich dem geistigen Blicke mit aller Klarheit dar –, daß mit unserer Zeit, mit unserer Zivilisation, die mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, und auf der einen Seite intellektualistisch, auf der anderen Seite materialistisch geworden ist, verbunden ist, daß auf dem Grunde der Seelen vieles an Menschenunverständnis und Menschenhaß vorhanden ist. Mehr als man glaubt ist das der Fall. Denn gewahr wird man eigentlich erst, wie viel im menschlichen Unbewußten Menschenunverständnis und Menschenhaß vorhanden ist, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist. Da zieht er heraus sein Seelisch-Geistiges aus dem Physisch-Leiblichen. Die Impulse der Kälte, die Impulse des Hasses zeigen sich dann als bloße Naturkräfte; sie sind dann bloße Naturkräfte. Was da an Moralischem darinnensteckte, das hat sich in Naturkräfte verwandelt, aber der Mensch hat viel herausgesogen während seines Lebens; das nimmt er mit durch die Pforte des Todes. Und so ziehen sich das Ich und der astralische Leib zurück, und sie nehmen mit, indem sie es herausziehen, was während des Lebens unbemerkt geblieben ist, weil es immer wiederum ganz in den physischen und ätherischen Leib untertauchte. Der heutige Mensch trägt viel von diesen beiden Impulsen durch die Pforte des Todes hindurch. Die Menschen brüllen in die Welt hinaus, wie sie sich vorstellen, daß der Mensch sein soll, wobei meistens nichts anderes dahinter ist, als das: wie man selber ist, so sollen alle Menschen sein. Wenn dann irgend jemand kommt, der ganz anders ist, so ist er nun gleich, wenn man sich das auch nicht voll zum Bewußtsein bringt, ein Feind, ein Mensch, gegen den man Antipathie entwickelt.

GA 230, S.199ff

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