„Sie wissen ja aus meiner Darstellung, die ich gegeben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dass beim Überschreiten der Schwelle zur geistigen Welt im Bewusstsein auseinander treten Denken, Fühlen und Wollen. Im gewöhnlichen heutigen gangbaren Bewusstsein bilden Denken, Fühlen und Wollen eine Art von Chaos; sie sind ineinandergeschichtet. In dem Augenblicke, wo die Schwelle zur geistigen Welt überschritten wird, in dem Augenblicke, wo man sich nur anschicken will, erfahrungsgemäß die Initiationswissenschaft zu gewinnen, werden im Bewusstsein Denken, Fühlen, Wollen selbständige Mächte. Sie werden selbständig. Da lernt man sie kennen, da lernt man in Wirklichkeit erst unterscheiden Denken vom Fühlen und vom Wollen.

Namentlich lernt man unterscheiden das Denken vom Wollen. Das Denken, das in uns waltet als Menschen, wenn wir es nicht seinem Inhalte nach nehmen, sondern wenn wir es nehmen hinsichtlich seiner Kraftnatur, wenn wir also die Denkkraft in uns nehmen, dann ist gerade dasjenige, was Denkkraft ist, etwas wie ein Hereinleuchten desjenigen, was wir vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis in geistigen Welten erlebt haben. Und die Willenswesenheit im Menschen ist etwas Embryonales, etwas Keimhaftes, das erst vollständig zur Entwickelung kommt post mortem, nach dem Tode. So dass wir sagen können: Wenn dieses hier der menschliche Lebenslauf ist zwischen Geburt und Tod, so ist innerhalb des menschlichen Lebenslaufes das Denken, so wie es im Menschen lebt, nur ein Schein, denn seine wahre Natur, die liegt vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis, und dasjenige, was Wollen ist, ist nur ein Keim, denn dasjenige, was sich aus diesem Keim entwickelt, entwickelt sich erst nach dem Tode. Grundverschieden sind in der menschlichen Natur Denken und Wollen.

Wenn jetzt jemand mit der Logik der Gegenwart kommt, die alles hübsch einschachtelt, die gern Systeme macht, so sagt er: Uns ist heute gesagt worden, das Denken, das ist die Kraft, die aus dem vorgeburtlichen Leben hereinspielt, das Wollen, das ist die Kraft, die in das nachtodliche Leben hineinweist. Nun hat man definiert, hübsch auseinandergeschält durch Definition Denken und Wollen. Aber mit Definitionen ist nichts gegeben. Man sieht gewöhnlich nicht das Ungenügende einer jeden Definition. Es sind ja manche Definitionen, besonders solche, die als wissenschaftlich gelten, sehr gescheit sich ausnehmend, aber alle haben sie irgendwo einen Haken, der einen erinnert an jene Definition, welche im alten Griechenland einmal gegeben worden ist auf die Frage: Was ist der Mensch? – Der Mensch ist ein zweibeiniges Wesen, das keine Federn hat – worauf am nächsten Tag ein Schüler einen gerupften Hahn gebracht hat und sagte, das ist ein Mensch, denn es ist ein zweibeiniges Wesen, das keine Federn hat. – Er hat ihn vorher sorgfältig gerupft. So einfach liegen die Dinge nämlich nicht, dass man sie mit dem gewöhnlichen Intellektwerkzeuge so handhaben kann. Denn, sehen Sie, man kann ganz schön sagen: Von dem, was wir erfahren als Denken, müssen wir behaupten, es habe seine wahre Wesenheit vor der Geburt und in uns herein spielt nur etwas wie ein Spiegelbild vom Denken. – Hier liegt eine gewisse Schwierigkeit vor. Sie werden sie aber bei einer geringen Denkanstrengung überwinden.

Nicht wahr, wenn Sie hier einen Spiegel haben und Sie haben hier einen Gegenstand, zum Beispiel eine Kerze, so haben Sie also hier ein Spiegelbild: Sie können das Bild von dem Gegenstande unterscheiden, Sie werden es nicht verwechseln. Wenn Sie irgendwie, durch einen Schirm meinetwillen, die Kerze selbst zugedeckt haben, so werden Sie im Spiegel nur das Bild sehen. Das Bild wird alles machen, was die Kerze macht. Sie können aus dem Bilde alles ablesen, was die Kerze macht. Sie sind gewöhnt, räumlich zu denken, deshalb können Sie sich leicht vorstellen, wie das Bild sich zur Wirklichkeit der Kerze verhält. Aber das, was in uns die Denkkraft ist, ist als Kraft ein Spiegelbild, und die Wirklichkeit liegt vor der Geburt. Die reale Kraft, deren Bild wir anwenden in diesem Leben, liegt vor der Geburt. Daher ist der Grundsatz des menschlichen Bewusstseins, der sich ergibt, wenn man auf sein eigenes Bewusstsein sieht: Ich denke, also bin ich nicht. Cogito ergo non sum! – Das ist das Grundsätzliche, das man begreifen muss, dass im Denken Bildnatur waltet, und dass die Kraft des Denkens vor der Geburt liegt. Die neuere Entwickelung hat damit eingesetzt, das Gegenteil als Grundaxiom der Philosophie hinzustellen: cogito ergo sum, was ein Unsinn ist. Sie sehen, wie die neuere Menschheit durch ihre Prüfung durchgehen muss. Aber wir sind am Scheidepunkte. Wir müssen umdenken lernen über die Fundamente des Seelenlebens.

Damit hätten wir das Denken in einer gewissen Weise auf sein Wesen zurückgeführt, und wir könnten jetzt etwas Ähnliches behaupten für das Wollen. Das Wollen ist nicht wie Bild und Spiegelbild, aber wie Keim und Vollendung aufzufassen mit Bezug auf die Willenskraft zwischen Geburt und Tod und das, was daraus wird nach dem Tode. Diese Einrichtung, dass wir vom Denken das Bild, vom Wollen den Embryo haben, das allein ermöglicht uns die Freiheit zwischen Geburt und Tod. Sie können darüber nachlesen sowohl in meinen Büchern «Vom Menschenrätsel », «Von Seelenrätseln», wie auch in der zweiten Auflage meiner «Philosophie der Freiheit», wo diese Dinge auch philosophisch behandelt sind.

Nun aber kommt das Eigentümliche, woraus Sie ersehen müssen, wie wenig das bequeme alltägliche Denken genügt, um in die Wirklichkeit hineinzukommen. Man hat das Wesen des Denkens erfasst. Aber wenn wir dieses Wesen des Denkens in uns erfassen, so müssen wir uns zugleich sagen: Dieses Denken ist nicht bloß Denken, sondern in diesem Denken ist auch eine Kraft des Wollens. Mit demselben inneren Wesen, mit dem wir denken, wollen wir zugleich. Es ist nur in der Hauptsache Denken, es hat einen Unterton des Wollens, ebenso hat aber unser Wollen einen Unterton des Denkens. Wir haben in der Tat zweierlei in uns: Etwas, was hauptsächlich Denken ist, was aber einen Unterton des Wollens hat; etwas, was hauptsächlich Wollen ist, was aber einen Unterton des Denkens hat. Wenn Sie die Wirklichkeit betrachten, so kommen Sie nicht zu reinlichen Begriffen, die Sie einschachteln können in Systeme, sondern das eine ist immer zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne das andere. Erst wenn man diese Dinge durchdringt, dann bekommt man eine Anschauung von gewissen Zusammenhängen des Menschen mit Welten, die außerhalb derjenigen sind, die wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören, in denen wir aber nicht minder drinnen sind, als in dieser Welt der Sinne. Wir können nicht sagen, dass uns andere Welten als die Sinnenwelt nichts angehen, wir sind mitten in ihnen drinnen. Wir müssen uns klar sein, dass, indem wir hier auf diesem Erdboden herumgehen, wir durchaus ebenso, wie wir durch die sinnliche Luft gehen, durch die geistigen Welten gehen.“

GA 194, S. 203 ff.

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